Vor 100 Jahren schrieb der Pazifist Alfred Hermann Fried ein Tagebuch während des 1. Weltkrieges. In verschiedenen Beiträge wollen wir Auszüge hier vorstellen. Eine umfangreiche Darstellung finden Sie unter kriegstagebuch.at

Endlich Waffenstillstand – wie wird der Frieden?

Bern, 10. November.1918 Die letzten Stunden des Weltkriegs! Der Waffenstillstand kann bereits abgeschlossen sein; er muss bis morgen vormittag 11 Uhr unterzeichnet werden. Das internationale, das organisierte Morden wird nun nach 51 Monaten aufhören. Ob aber nicht das nationale, das unorganisierte Morden erst recht einsetzen wird, das ist die bange Frage, die uns beschäftigt. Die Ereignisse weisen darauf hin. In Deutschland ist die Revolution im vollen Gang. Die Truppen schließen sich ihr an. In Berlin machen die Garderegimenter gemeinsame Sache mit dem Volk. Rote Fahnen wehen. (…). Es geht bis jetzt ziemlich unblutig und geordnet von statten. In München haben die Truppen und die Polizei sich in den Dienst der republikanischen Regierung gestellt. Das Haus Wittelsbach ist gestürzt. (…) Der Sozialdemokrat Ebert ist bereits Reichskanzler. Es kommt die Republik. Das Volk steht auf. Es hat die Ketten des autokratischen Staates zerrissen, es hat durch die Qualen dieses verruchten Kriegs sich auf sich selbst besonnen und das Mittelalter völlig abgestreift. In dieses heilige Werden hinein grinsen die Waffenstillstandsbedingungen der Entente, die heute, zum Teil wenigstens, bekannt wurden. Es sind wohl die erniedrigendsten Zumutungen, die seit den Barbarenzeiten des Altertums einem Volk gemacht wurden. (…) Binnen 72 Stunden ja oder nein. Es liegt der typisch militaristische Sadismus darin. Rache, Erniedrigung, Weiden an des Gegners Qualen. (…) Der Waffenstillstand währt dreißig Tage. Kommt es bis dahin nicht zum Frieden, wird der Krieg nach Deutschland hineingetragen. Das ist das Los, das die verbrecherischen Urheber des Kriegs dem deutschen Volk beschert haben. So grausam es ist, es ist begreiflich, es ist verständlich. Sind doch in diesen Bedingungen jene Gefühle summiert, die hervorgerufen wurden durch den frivolen Beginn des Kriegs, durch den Einfall in Belgien, die Zerstörung von Löwen, … durch die Füsilierungen und Deportationen von Bürgern, … durch die Versenkung der Lusitania, …durch die Fliegerbombardements von London, Paris, … durch die fast vierjährige Seelenqual der Bevölkerung in Nordfrankreich. und Belgien, durch den namenlosen Mord der zahllosen Jugend auf den Schlachtfelder aller fünf Wellteile. Wahrhaftig, so betrachtet, sind die Bedingungen noch milde für ein Land, dessen Gebiete vom Krieg fast ganz verschont geblieben sind. (…) Der Krieg geht zu Ende, ist zu Ende. Nun wird es sich zeigen, ob der Friede dem von den Militärs diktierten Waffenstillstand gleichen wird,  … Nein! Nein! Der Friede muss ein endgültiger, ein die Freiheit aller, ein den Krieg tötender Friede sein, kein Rachefrieden militärischen Geistes.

Heute vor 99 Jahren: Waffenstillstand beendet den Ersten Weltkrieg

Viele Jahre wurde der 11. November von der Friedensbewegung in den alliierten Ländern als Armistice Day begangen, als Tag des Waffenstillstands. Denn US-Präsident Wilson hatte erklärt, dies sei „der Krieg, um alle Kriege zu beenden“. Erst nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Tag als Veterans Day entpolitisiert. Auch Alfred H. Fried spürt die Bedeutung dieses Tages: Bern, 12. November Heute nacht ist der letzte Schuß gefallen. Der Weltkrieg ist in Wirklichkeit beendet. Mit ihm hoffentlich das kriegerische Zeitalter des Militarismus. Gestern ist der Waffenstillstand abgeschlossen worden. Heute nacht um 11 Uhr wurden die Feindseligkeiten eingestellt. Daß sich dieses ewig denkwürdige Ereignis gerade an meinem Geburtstag vollzog, war mir ein freudiges Erlebnis. Der Krieg ist vorbei. Nun heißt es, den Frieden errichten und dann darangehen, den Schutt zu beseitigen. Die Ereignisse in ihrer Fülle und umwälzenden Bedeutung sind überwältigend. Deutschland entwickelt sich in rasendem Tempo zur Republik. Wilhelm II, der mächtige Soldatenkaiser des machtvollen deutschen Reiches, ist in Zivilkleidern – nach Holland geflüchtet. Dort soll er interniert werden. Tragisches Schicksal eines Weltzerstörers. Noch lange nicht so traurig wie das der blutenden, hungrigen Völker. In Sachsen, Württemberg, Oldenburg ist die Republik erklärt worden, wurden die Dynastien abgesetzt. Nur Baden und Mecklenburg fehlen noch von den größeren deutschen Staaten. Sie werden folgen, und mit den kleinen Fürstlichkeiten und Familienherrschaften wird man wohl nicht langen Prozeß machen. (…) Auf dem Berliner Schloß weht die rote Fahne. Karl Liebknecht, der Zuchthäusler der Autokratie, durfte sie hissen. (…) Wir ahnten es doch nicht, daß der Militarismus, daß Wilhelm II eigentlich die Geburtshelfer des neuen Deutschland wurden. Sie haben durch ihren Druck das Neue gezeugt, ihr Wirken waren die Gebärkrämpfe der neuen Zeit. Ungefähr im Februar 1915 schrieb ich es hier, daß dieser Krieg nur eine Episode der Weltrevolution sein dürfte. Eine Zuspitzung der Krise, die ein halbes Jahrhundert früher angefangen hat, und die wohl wieder ein halbes Jahrhundert brauchen wird, um abzuflauen. Wir sind die armseligen Zeitgenossen dieser Übergangsperiode. Glückliche Menschen, die einst die neue Zeit erleben werden, deren Gebären im Sturm und Blitz wir durchmachen, deren Kommen wir sehen, deren Gestaltung wir ahnen.